Zukunft durch Bildung

Wo Bildung auf der Prioritäten-Liste weit hinter die Bekämpfung von Terroristen gerutscht ist, kommen die ganz Kleinen oft zu kurz. Die Organisation OFARIN schickt ihre Kinder zum Lernen in Moscheen und Wohnungen. Was dahinter steckt und wie das Ganze funktioniert

Über 70 Prozent der Afghanen können weder lesen noch schreiben. Im weltweiten Vergleich hat das Land eine der höchsten Analphabetenraten überhaupt. Doch wie soll ein Land sich entwickeln und seinen Bewohnern eine Zukunft sichern, wenn es  an der Bildung hapert? Das krisengeschüttelte Land blickt auf 30 Jahre Krieg zurück, deren schrecklicher Höhepunkt die Zeit der Taliban war, unter deren Herrschaft es den Mädchen beinahe gänzlich verboten wurde, die Schule zu besuchen. Eine Ausnahme waren schon damals die Moscheeschulen von OFARIN – einer Organisation, die sich die Bildung der kleinen Afghanen auf die Fahne geschrieben hat und die sich über Jahre hinweg zu erhalten und durchzusetzen wusste.

„Penğa-o haft manfeh nozdah?“ („57 minus 19?“) „Si-o hašt“ („38“), antwortet Ferosa lächelnd. Nachdem die Antwort der kleinen Hazara-Frau wie selbstverständlich über die Lippen geht, hebt sie das von einem grünen Tuch umrahmte Gesicht und blickt die europäische Fragestellerin schüchtern wie fragend an. Sie sucht im Gesicht ihres Gegenübers nach einem Zeichen, das ihr verrät, ob sie mit dieser Lösung richtig gelegen oder sich doch vertan hat. Eine Weile schon bemüht sich die Afghanin, ihre Rechenkünste zu verbessern, um schließlich vor einer Schulklasse stehen zu können.

Ferosa stürzte im Alter von sieben Jahren schwer und erhielt in den Jahren danach nur wenig und zumeist falsche Behandlung. Erst nach mehrfachen Krankenhausaufenthalten in Deutschland konnte die Behinderung soweit behoben werden, dass die Afghanin nun zumindest weitestgehend ohne Probleme und schlimme Schmerzen laufen kann. Doch auch nach den Operationen wird sich der Wunsch nach einem Ehemann und Kindern für die Afghanin höchstwahrscheinlich nicht erfüllen. In einer Gesellschaft wie der afghanischen, in der die Hauptaufgabe der Frau im Gebären der Kinder liegt und die Zahl der Kinder zum Prestige des Mannes beiträgt, hat eine Frau wie Ferosa geringe Chancen. Einen Mann zu finden, der sich mit der Tatsache abfindet, dass die freundliche Hazara-Frau ihm höchstwahrscheinlich keine Kinder schenken können wird, ist hier nicht nur schwierig, sondern beinahe ausgeschlossen. Von ihrer Mutter wurde das mittlere Kind dazu auserkoren, die Eltern zu pflegen und den Haushalt zu erledigen, während sich die jüngere Schwester auf die Ehe und ihre zukünftige Familie vorbereiten sollte. Bei der Entwicklungshilfeorganisation OFARIN fand Ferosa schließlich eine Anstellung, die es ihr ermöglicht, Geld für sich und ihre Familie zu verdienen. Hier erhält sie zurzeit eine Ausbildung, die sie schließlich dazu befähigen soll, als Trainerin die Aufsicht über die von der Organisation angestellten Lehrerinnen zu führen. Neben den mathematischen Fertigkeiten versucht die knapp dreißigjährige Afghanin, ihre deutschen Sprachkenntnisse weiter auszubauen. Sie hofft, diese vielleicht irgendwann einmal in ihren Beruf integrieren zu können.

Ferosa ist nur eine der 30 Mitarbeiter, die aktuell bei der in Deutschland gegründeten Hilfsorganisation OFARIN angestellt sind. Ziel und Zweck der Organisation ist die Bildung der Afghanen. OFARIN unterhält in Kabul sowie im Panjshirtal und in Logar zurzeit etwa 280 Klassen mit einer Klassenstärke von durchschnittlich 18 Schülern. In diesen Lerngruppen werden kleine Jungen und Mädchen im Grundschulalter in den Fächern Mathematik, Sprache (Dari oder Pashto) und Religion unterrichtet. Alternativ zum staatlichen Schulunterricht findet der Unterricht von OFARIN in Moscheen und Privatwohnungen statt.  Hier werden die Kinder einmal täglich jeweils eineinhalb Stunden unterrichtet. Die Dreiteilung des Unterrichts ist variabel gestaltet: 30 Minuten bekommen die Kinder Religionsunterricht. Dieser Bereich wird nicht von OFARIN selbst, sondern von einem Mullah organisiert und überwacht. Die restlichen 60 Minuten verbleiben den Lehrern und Lehrerinnen der Organisation. Im Bereich der Sprache und der Mathematik gibt es keine straffe halbstündige Teilung, je nach Bedarf wird hier mal mehr Dari und mal mehr Mathematik unterrichtet. Neben dem Schulunterricht gibt es seit 2008 auch Vorschulunterricht für die ganz Kleinen. Der Grund hierfür ist vor allem, dass viele der größeren Kinder die Schule nur besuchen dürfen, wenn sie ihre kleinen Geschwister mitnehmen, da sie für diese in der Familie die Verantwortung tragen. OFARIN entschied sich, diese Kinder ebenfalls unter seine Fittiche zu nehmen. Sie werden im Vorschulunterricht spielerisch mit den Grundlagen des Schulunterrichts vertraut gemacht und so bereits frühzeitig auf die kommende Schulzeit vorbereitet.

Der Unterrichtsstoff wird den Kindern mittels eigens von OFARIN entwickelter Lehrmaterialien näher gebracht. Zu Beginn wurde mit bereits bestehenden Lehrbüchern gearbeitet. Die Schwierigkeiten, die sich bei der Arbeit mit diesen Materialien herauskristallisierten, führten schließlich zu der Entscheidung, eigene Unterrichtsmaterialien zu entwickeln. Mit Hilfe dieser neuen Lehrbücher werden die afghanischen Lehrer dazu angeleitet, den Schülern selbstständiges Denken und Arbeiten näherzubringen und sie in ihrer Individualität zu fördern.

Grund für OFARIN diese alternative Form des Unterrichtens anzubieten, sind vor allem die Defizite, die die Gründer der Organisation, Anne Marie und Peter Schwittek, im afghanischen Bildungssystem sehen. In den staatlichen Schulen werde den Kindern ein Lehrer vor Kopf gestellt, der den Unterrichtsstoff in Monologform vortrage und der selten Fragen stelle, die dann auch nur von einzelnen „auserwählten“ Schülern oder von der gesamten Klasse im Chor beantwortet würden. Die Antworten seien auswendig gelernt und wortwörtlich vom Lehrer vorgegeben. Das eigenständige Denken werde in den staatlichen Schulen nicht nur nicht gefördert, sondern vielmehr vollkommen unterbunden, weiß das deutsche Ehepaar zu berichten. Darüber hinaus müssten viele Kinder ihre Eltern im Haushalt oder im Geschäft unterstützen. Die vier Stunden Unterricht am Tag hinderten sie nicht nur daran, sondern seien im Vergleich auch noch reine Zeitverschwendung, da die Kinder bei der Unterstützung ihrer Eltern zumeist mehr lernen würden als in den Klassen der staatlichen Schulen. Viele der Kinder, die die staatlichen Schulen nach ihrem Abschluss verließen, könnten trotz zertifizierter Fähigkeiten zumeist weder lesen noch schreiben. Auch bei einigen der Mitarbeiter von OFARIN sei es so gewesen, berichtet Peter Schwittek. Einige seiner Mitarbeiter hätten erst bei der Organisation lesen, schreiben und rechnen gelernt, obwohl sie die Schule mit einem Abschlusszeugnis verlassen hätten. Bevor OFARIN seine Lehrer und Lehrerinnen in den Unterricht entlässt, erhalten die Afghanen bei der Organisation eine fundierte Ausbildung, die sie dazu befähigen soll, ihren Schützlingen etwas beizubringen und den Beruf nicht lediglich zu Prestige- und Geldzwecken auszuüben. Da auch die Lehrer vielfach in den staatlichen Schulen unterrichtet wurden, ist ihnen die alternative Form des Unterrichtens fremd, die man in Deutschland gewohnt ist.

OFARIN bietet zugleich eine Alternative wie eine Ergänzung zu den staatlichen Schulen. Viele der Kinder, die den Unterricht in den Moscheen und Privatwohnungen besuchen, nehmen gleichermaßen am staatlichen Unterricht teil. Gleichzeitig gibt es aber auch andere, die ihre Schulbildung ausschließlich in den Klassen der Organisation erhalten. Besonders die räumliche Nähe und die Angst der Familien vor dem Ehrverlust ihrer Töchter spielen hier eine Rolle. Die Moscheen und Privatwohnungen liegen in nächster Nähe zu den eigenen vier Wänden, so dass die Kinder keine langen Wege auf sich nehmen müssen und den Familienvätern so kaum der Vorwurf gemacht werden kann, ihre Töchter dem schädigenden Einfluss von Fremden auszusetzen. Ein weiterer Aspekt ist, dass durch die räumliche Nähe mehr Zeit bleibt, um im Haushalt und innerhalb der Familie mitzuarbeiten. Darüber hinaus genießen die Mullahs großes Ansehen und die Aufsicht derer bietet gleichzeitig Sicherheit für die Familien – sowohl hinsichtlich der gelehrten Unterrichtsinhalte wie auch bezüglich der Personen, die in Kontakt zu den Kindern treten können.

Der Besuch bei OFARIN macht schnell deutlich, wie gut das Konzept des deutschen Ehepaars funktioniert. In den Moscheen sind wissbegierige fleißige Kinder zu beobachten, die mit Freude all das Wissen in sich aufsaugen, das die Lehrer ihnen anbieten. Das Programm hat sich mittlerweile herumgesprochen, und so sind in einer Moschee auch Kinder zu beobachten, die dort sitzen und warten, immer hoffend, dass eine neue Klasse eröffnet wird, an der sie teilnehmen können. Den gesamten Unterrichtszeitraum sitzen diese kleinen Jungen und Mädchen dort und spähen rüber zu den Altersgenossen, die schon in den Genuss des Unterrichts kommen. Ruhig und immer darauf bedacht, bloß nichts von dem zu verpassen, das der Lehrer seinen Schülern vermittelt. Täglich stünden an die 100 hoffnungsvollen Kinder vor den Toren der Moschee, erzählt der Mullah, dem die Moschee untersteht. Würden mehr Gelder fließen, könnte man hier mit Leichtigkeit mehr Platz für noch mehr Kinder schaffen, fügt er seinen Schilderungen augenzwinkernd hinzu.

Die finanzielle Unterstützung von OFARIN ist es, die diesen kleinen Afghanen eine Zukunft und dem Land zu ein bisschen Aufschwung verhelfen kann. Die Bildung ist der Schlüssel. Für die Kinder, für das Land und damit letzten Endes für die globalisierte Welt, in der wir alle leben.

Auftraggeber: Misereor

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