Das Gruselhaus

Zunehmende Verwahrlosung und Gewalt. Die Anwohner des Pillnitzer Wegs 15 klagen über die Situation im Spandauer Quartier Heerstraße Nord. Mittelpunkt: der Drogenumschlagplatz in der Hochhaussiedlung.

Frisch gestrichene helle Wände vermitteln einen einladenden Eindruck. So schlimm scheint es hier gar nicht zu sein – im Haus Pillnitzer Weg 15. Wir sind mit Bewohner Bernd S. (Name der Redaktion bekannt) verabredet. Er will uns zeigen, warum hier viele Menschen vom „Gruselhaus“ sprechen. „Hier unten wurde vor Kurzem alles neu gemacht“, sagt S. und macht uns auf die Blutspuren im Fahrstuhl aufmerksam. Erstes Anzeichen dafür, dass der schöne Schein trügt. Und tatsächlich: Oben angekommen, fallen uns sofort die eingeschlagenen Scheiben an der Fahrstuhltür auf.

„Einer der Mieter hier“, so S., „tritt alles ein, was ihm in den Weg kommt.“ Jeder kenne jeden und jeder wisse, wer hier Randale mache. Aber viele Bewohner hätten resigniert, wohl auch aus Angst. „Wer sich beschwert, bekommt eins auf die Fresse“, sagt S. und berichtet, dass Einbrüche, Brandstiftungen, Drogenhandel und Gewaltausbrüche hier im Haus fast schon Alltag sind. Erst kürzlich sei ein Postbote am helllichten Tag zusammengeschlagen worden. S. glaubt auch die Ursache dafür zu kennen. „Hier wohnen viele ehemalige Häftlinge. Die kommen kurz raus, bauen Scheiße und gehen wieder in den Bau“, erzählt der arbeitslose Tiefbauer.

Zunehmende Gewalt

Für Bernd S. steht fest, dass sich die Atmosphäre im Haus vor gut zwei Jahren zu verändern begann. Ob seit damals, wie Bernd S. meint, vorrangig Ex-Strafgefangene, Alkoholiker und Hartz-IV-Empfänger hier eingezogen sind, konnten wir nicht nachprüfen. Eine entsprechende Anfrage an die zuständige Hausverwaltung, die Ypsilon-Liegenschafts-Verwaltungs-GmbH, blieb unbeantwortet. Tatsache ist jedoch, dass die vielen Einzimmerwohnungen in den Häusern 13 bis 21 zu Preisen vermietet werden, die im berlinweiten Vergleich zu den günstigsten überhaupt zählen und es deshalb immer mehr sozial schlechter gestellte Menschen hierher an den Berliner Stadtrand zog. Tatsache ist auch, dass sich viele Anwohner über die zunehmende Gewalt im Gebiet Heerstraße Nord beklagen und das Bezirksamt deswegen nicht nur ein Sorgentelefon einrichtete, sondern auch einen Runden Tisch initiiert hat, an dem am 16. April Anwohner, Gewerbetreibende, Ärzte, Polizei sowie Vertreter von Wohnungsbaugesellschaften, Kirchengemeinden und des Quartiersmanagements über Maßnahmen beraten wollen, die Situation zu verbessern.

Benachteiligtes Gebiet

Für Polizeioberrat Dirk Schnurpfeil ist der Pillnitzer Weg 15 als Teil der Großwohnsiedlung Heerstraße Nord ein Sonderfall. Der Leiter des Polizeiabschnitts 23 bestätigt, dass es Körperverletzungsdelikte vor allem unter den Bewohnern gebe. „Meiner Einschätzung nach“, so Schnurpfeil, „ist das Problem hier insbesondere die Ballung eines entsprechenden Klientels.“ Dagegen schätzt Cornelia Dittmar, Leiterin des Quartiersmanagements Heerstraße Nord, die Situation nicht als besorgniserregend ein. Natürlich sei es ein benachteiligtes Gebiet, aber der kriminalitätsbelastete Ort, der die Heerstraße Nord einmal gewesen sei, sei er nicht mehr. Die Vorwürfe, die Bernd S. und andere Bewohner vom Pillnitzer Weg 15 erheben, sind der Quartiersmanagerin bekannt, verweist sie aber ins Reich der Gerüchte: „Hier leben viele Bewohner mit Sorgen, Ängsten und Nöten, da wird auch viel erzählt.“

Das sieht Katja Ness vom Förderverein Heerstraße Nord ganz anders. Sie weiß, dass im Haus Pillnitzer Weg 15 einige dubiose Dinge vor sich gehen. Für sie sind mangelnde Sauberkeit, Lautstärke und die Art und Weise des Umgangs der Bewohner miteinander Indizien dafür, dass hier das soziale Gleichgewicht längst die Balance verloren hat. Das bestätigt auch Thomas Besuch, einer der Nachbarn von Bernd S. und Sprecher der „Mieterinitiative Staaken: „Leider ist es eine Tatsache, dass unser Haus wie der gesamte Stadtteil immer mehr zu einem Armenghetto verkommen.“

Von Anna Wengel und Anne Langert

Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Ausgabe Spandau, Nr 16, 20.4.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

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