Gefährlicher Kiez

Im nördlichen Teil der Heerstraße geht die Angst um: Beleidigungen, Bedrohungen und Pöbeleien bis hin zur Gewaltanwendung gehören zum Alltag in der Spandauer Hochhaussiedlung. „Es gibt immer wieder Opfer schwerer Körperverletzungen“, sagt Klaus Laufmann, Bezirksbeauftragter für Senioren und Menschen mit Behinderung. Auch Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank sieht Probleme: „Das Sicherheitsgefühl der Menschen ist nicht so, wie es sein soll.“

Steigende Angst

Die Frage nach der Sicherheit war durch den tätlichen Angriff auf einen geistig behinderten Jugendlichen in der Obstallee Anfang Februar aufgekommen. Der Täter schlug und trat auf sein Opfer ein. „Ohne das beherzte Eingreifen von Passanten hätten wir wahrscheinlich einen Fall wie im Oktober letzten Jahres auf dem Alexanderplatz gehabt“, sagt Laufmann. Der Spandauer Fall habe zu einer ganzen Reihe von Rückmeldungen aus der Bevölkerung geführt, erzählt der Behindertenbeauftragte. Deshalb sei schließlich ein Sorgentelefon eingerichtet worden (das Abendblatt berichtete). „Ich möchte wissen, was die Menschen im Quartier fühlen“, sagt Kleebank. Und das Angstgefühl hat sich bestätigt. Einige Eltern lassen ihre Kinder schon nicht mehr alleine auf den Spielplatz. „Viele Anrufer bedanken sich für die Möglichkeit, endlich jemandem ihre Sorgen und Probleme mitteilen zu können“, sagt der Bezirksbürgermeister.

Nicht angezeigt

„Man muss hier keine Angst haben“, sagt Polizeioberrat Dirk Schnurpfeil, Leiter des Abschnitts 23. Kleebank widerspricht: „Die Sichtweise der Anwohner und der Polizei ist unterschiedlich.“ Die Polizei stütze sich auf Zahlen, viele Gewalttaten würden aber gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Und die Statistik gibt Schnurpfeil recht. Zwar gibt es bei den Zahlen zur Körperverletzung im Bereich Heerstraße Nord einen Anstieg von rund 220 im Jahr 2006 zu aktuell über 250 Fällen. Der Großteil der Taten liegt aber im Bereich häuslicher Gewalt. Anzeigen wegen Gewaltdelikten in der Öffentlichkeit stiegen von 20 Fällen 2006 auf rund 30 Fälle 2009. Seitdem sind die Zahlen annähernd gleich geblieben. Nach Schnurpfeil drohe „mehr Gefahr durch Familie oder Freunde als durch die Bevölkerung auf der Straße.“ Darüber hinaus seien es in der Regel bekannte Mehrfachtäter, die Körperverletzungsdelikte begingen. Rund 15 leben zur Zeit im Kiez, sie sind der Polizei bekannt und werden ständig überwacht.

Sorgentelefon.

Das Sorgentelefon ist bis zum 25. März erreichbar. Die Anrufe werden dokumentiert und ausgewertet. Für Ende März ist ein Runder Tisch geplant, bei dem die Ergebnisse und das weitere Verfahren besprochen werden. Teilnehmer sind unter anderem Anwohner, Polizeibeamte, Quartiersmanagement und Vertreter der Kirchengemeinden und Wohnungsbaugesellschaften. Kleebank wünscht sich außerdem die Teilnahme der Gewerbetreibenden des Centers Obstallee sowie von Vertretern des Ärztehauses und der Johanniter-Unfall-Hilfe. Bei dem Runden Tisch solle auch geklärt werden, ob die Gewalt im Bereich der Heerstraße Nord zunehme, sagt Kleebank. Eine mögliche Erklärung sieht er in der Gentrifizierung, durch die ein Zuzug von Familien mit Problemen in die günstigeren Kieze stattfinde.

Veröffentlicht im Berliner Abendlatt, Ausgabe Spandau, Nr. 10, 9.3.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

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