Flucht nach Berlin

Es wird eng für die Flüchtlinge in Spandau: Rund 540 Asylsuchende sind in fünf Häusern untergebracht, die eigentlich nur Platz für 400 bieten sollen. Das Erstaufnahmeheim in der Motardstraße ist überbelegt. Und täglich suchen weitere Menschen Zuflucht in der Siemensstadt.

„Viele Serben, Tschetschenen, Syrer, Iraker und Afghanen kommen zu uns“, erzählt die Betreuerin des Kinder- und Jugendbereichs, Maryam Graßmann. Großfamilien drängen sich auf kleinstem Raum. Rund 50 Menschen verschiedener Ethnien leben auf einem Flur, teilen sich zwei bis drei Toiletten und Duschen und nur eine Küche.

Die Situation in Spandau ist typisch für die ganze Stadt. Mit 2.078 Neuankömmlingen wurde im April ein neues Höchstmaß in Berlin erreicht. Das sind fast doppelt so viele wie  im Januar. 5.914 Personen leben derzeit in den Flüchtlingseinrichtungen, Platz gibt es für 5.714. In notdürftig eingerichteten Unterkünften drängen sich 1.665 Menschen auf engstem Raum. Für die Unterbringung der Hilfesuchenden sorgt das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). „Wir sind am Rande unserer Kapazitäten. Tag für Tag hangeln wir uns vom letzten Platz zum letzten Platz“, sagt Sprecherin Silvia Kostner. Durch den Anstieg der Flüchtlingszahlen benötigt das Landesamt Unterstützung aus den Bezirken. Die Kooperationsfreude hält sich in Grenzen: „Die Bezirke wehren sich mit Händen und Füßen, obwohl die Übereinkunft getroffen wurde, dass es die Aufgabe Berlins ist, Asylbewerber aufzunehmen, unterzubringen und vor Obdachlosigkeit zu schützen“, so Kostner. Spandau hat kürzlich noch einmal bewiesen, dass Hilfe möglich ist: In einem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Gesundheitsamtes in der Staakener Straße wurden noch einmal 103 Menschen untergebracht. Nach Zahlen des Lageso hat der Bezirk Kapazitäten für 700, tatsächlich sind aktuell 856 Menschen in Spandaus Flüchtlingsunterkünften (Motardstraße, Askanierring und Staakener Straße) untergebracht. Damit bewegt sich der Bezirk im oberen Mittelfeld im berlinweiten Vergleich. Spitzenreiter ist Lichtenberg mit rund 1.204 Plätzen. Kostner lobt neben Lichtenberg auch die Zusammenarbeit mit Tempelhof-Schöneberg und Mitte. Große Probleme gab es dagegen bis vor Kurzem mit Reinickendorf. Auch Steglitz-Zehlendorf sträube sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, so Kostner. Nur 162 Menschen seien hier aktuell untergebracht. Das Schlusslicht bildet Neukölln mit einer Belegungsrate von 24. „Der Bezirk hat selbst so viele Probleme, dass er geschont wird“, erklärt die Lageso-Sprecherin.

Eigentlich sollte das Erstaufnahmeheim in der Siemensstadt seit Langem geschlossen werden. In der Motardstraße glaubt niemand daran: „Seit vorletztem Jahr hören wir immer wieder was von Schließung. Das glaube ich erst, wenn hier wirklich die Tore verriegelt werden“, sagt Maryam Graßmann und ergänzt, „vorerst ist der Flüchtlingsansturm so groß, dass es keine Einrichtung gibt, in der man die Leute unterbringen könnte“. Dabei sind die Containerbauten längst baufällig. Graßmann erzählt, dass die Container vor über 20 Jahren für eine Nutzungsdauer von fünf bis zehn Jahren errichtet wurden. Seit über acht Jahren ist die Flüchtlingseinrichtung hier beheimatet.

Maximal drei Monate sollen die Neuankömmlinge bleiben, meistens verweilen sie jedoch länger. Nach etwa drei Monaten wird der Asylantrag geprüft, dann geht es im besten Fall weiter in Folgeheime. Wird der Antrag abgelehnt, wird der Antragssteller gebeten zu gehen oder direkt abgeschoben. „Es gibt Momente, wo die Leute dann einfach weg sind, untergetaucht, und wir nicht wissen, wohin sie gegangen sind“, sagt Graßmann, „aber es gibt auch viele die wirklich abreisen.“ Vor allem die Serben. Bei Afghanen und Afrikanern sei das anders, berichtet die Betreuerin. „Die haben zum Teil ein bis drei Jahre gebraucht, um hierherzukommen, die sind nicht so schnell zum Rückzug zu bewegen.“ Den letzten Ausweg suchen viele, von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge, in der Psychiatrie – trotz aller Unannehmlichkeiten besser, als zurück in ein Land zu gehen, in dem sie vom Tode bedroht sind.

Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Ausgabe Spandau Nr. 22, 1.6.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

Advertisements