Kinder in Not

Immer häufiger erschrecken uns Nachrichten von misshandelten und verwahrlosten Kindern. Sie müssen aus ihrem Zuhause geholt werden, weil die Eltern nicht in der Lage sind, sich anständig um ihre Kinder zu kümmern. Erst vor Kurzem musste die Polizei fünf Kinder aus einer Spandauer Wohnung retten (das Abendblatt berichtete). Die Hausverwaltung hatte die Beamten auf den unzumutbaren Zustand der Wohnung und die darin lebende Großfamilie aufmerksam gemacht. Fünf Jungen im Alter von neun, sechs und vier sowie dreijährige Zwillinge mussten sich ein völlig verdrecktes Bett teilen. Der Boden der Drei-Zimmer-Wohnung war mit  Klamotten und Essensresten übersät. Überall lagen Müll und Unrat. Die 27-jährige Mutter war mit der Versorgung ihrer Kinder offenbar vollkommen überfordert. Leider kein Einzelfall. Für die Mitarbeiter des Berliner Notdienstes Kinderschutz (KND) ist das trauriger Alltag.

Steigende Zahlen

Geschlagen, missbraucht, vernachlässigt – wenn Kinder in Not sind, wissen sie oft nicht, an wen sie sich wenden sollen. Und es werden immer mehr. Spandau belegt den traurigen dritten Platz mit 223 Minderjährigen, die vom Notdienst 2012 in Obhut genommen wurden – 18 mehr als im Vorjahr. In Mitte stieg die Zahl gegenüber 2011 von 258 auf 283, in Neukölln von  241 auf 273.  Berlinweit wurden im letzten Jahr 2.546 Kinder und Jugendliche vom Notdienst betreut – 2011 waren es noch 1.960. Die Dunkelziffer der Minderjährigen, die misshandelt oder vernachlässigt werden, ist weitaus höher. Allein bei der Hotline-Kinderschutz wurden im letzten Jahr 2.456 betroffene Kinder benannt. „Der Anstieg der Zahlen zeigt, dass offensichtlich Bedarf da ist, sich von einer anonymen 24-Stunden-Hotline beraten zu lassen“, sagt Beate Köhn, Sprecherin des Berliner Notdienstes Kinderschutz. Der KND ist ein Schutzinstrument für Kinder in Not. Dazu gehören die 24-Stunden-Hotline sowie drei Notdienste für Kinder, Jugendliche und speziell für Mädchen, die in Not geraten sind. Der Notdienst ergänzt die Jugendämter. Benötigt ein Kind außerhalb der Geschäftszeiten des Amtes (8 bis 18 Uhr) Hilfe, ist er zur Stelle. Das Angebot wird genutzt: 2012 führten Kinder-, Jugend- und Mädchennotdienst insgesamt 7.069 Krisenberatungen durch.

Alles beginnt mit einem Anruf

Meldungen über in Not geratene Kinder kommen von allen Seiten: Vom Hilfesuchenden selbst, von Verwandten, Freunden oder Nachbarn sowie aus Schulen, Kitas oder Arztpraxen. Oftmals ist es auch die Polizei, die die Verwahrlosung entdeckt und den Notdienst alarmiert. „Leute, die sich Sorgen um Kinder machen, rufen bei uns an“, fasst Köhn zusammen und ergänzt: „Oft rufen die Eltern selbst an, weil sie sich mit ihren Kindern überfordert fühlen. Zum Beispiel dann, wenn eine Trennung ansteht und sie nicht mit ihrem traurigen Kind umzugehen wissen.“ Die Hilfeschreie sind vielfältig. 2012 berieten die KND-Mitarbeiter am Telefon besonders in Fällen der Vernachlässigung (249), des Verdachts auf körperliche (218) oder psychische Misshandlung (154). Aber auch Themen wie beispielsweise Teenie-Schwangerschaften, psychische Auffälligkeiten des Kindes oder Suchtprobleme beschäftigen die Anrufer.

Schnelle Hilfe

Ist erst einmal ein Anruf eingegangen, bei dem klar ist, dass es sich um eine akute Gefährdung des Kindes oder Jugendlichen handelt, geht es schnell: „Wenn zum Beispiel ein Nachbar anruft, der von einem schlecht versorgten und oft weinenden Kind berichtet, das plötzlich gar nicht mehr weint und er auch die Mutter seit Tagen nicht mehr gesehen hat, wäre das ein Fall, bei dem wir sofort handeln“, erklärt die KND-Sprecherin. Die Mitarbeiter fahren zu der Wohnung, in der der Minderjährige misshandelt wird oder in Dreck und Müll leben muss. Vor Ort wird entschieden, ob er direkt in Obhut genommen wird. Die Verantwortung für die Entscheidung liegt beim Kindernotdienst. Im Durchschnitt sind rund zehn Kinder in Obhut des Notdienstes. Die Altersspanne reicht vom Baby bis 18 Jahre.

Weitere Infos:
Die Hotline des Berliner Notdienstes Kinderschutz ist rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr erreichbar. Neben deutschsprachigen, stehen den Anrufern auch türkisch-, arabisch- und russischsprachige Berater zur Verfügung.
Telefon (030) 61 00 61

Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Ausgabe Spandau, Nr 20, 18.5.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

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