Gefolterte Kunst

Zu Besuch bei Christian Staudinger – Künstler, Stasi-Opfer, Sozialarbeiter. Ein Porträt.

Schmerz und Leere zeichnen sich ab in den tiefliegenden hellbraunen Augen des Künstlers Christian Staudinger. Ein Mann Anfang 60, der erfahren hat, zu welchen Gräueltaten der Mensch fähig ist. „Aufgeschlitzter Schädel, Stiefeltritte ins Geschlecht, Dunkelhaft: Das was ich erlebt habe, muss ich in die Welt bringen“, sagt Staudinger. Nach dem Fluchtversuch aus der DDR 1971 wurde der gebürtige Erfurter von der Stasi in Bulgarien und der DDR gefoltert. Zwei Wochen davon eingepfercht in einer Kiste, ohne Möglichkeit den Kopf zu heben oder die Beine zu strecken. Seine Erlebnisse mit der zweiten deutschen Diktatur macht der Künstler in Gemälden, Zeichnungen und Aktionen öffentlich.

Staudinger provoziert

Drastisch und oftmals düster ist Staudingers Kunst. Schonungslos packt er all jene Themen an, die ihn umtreiben. Ein Beispiel ist die Berliner Ausstellung „Adolf Hitler 007“. Ungeschönt zeigt er hier den Mann, dessen Diktatur zum dunkelsten Fleck deutscher Geschichte wurde. Folge der Ausstellung: zahlreiche Anzeigen von rechten und linken Gruppen. Mit einer anderen Arbeit trat er Teilen der türkischen Gemeinde so sehr auf die Füße, dass diese mit Morddrohungen reagierten. Auch sich selbst schon Staudinger nicht. Er scheint das Extreme zu brauchen: Um zu begreifen, was ein heroinabhängiger Mensch durchlebt, setzte er sich selbst einen Schuss, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Die Erfahrung hat er festgehalten – in seinem Film „Drogen, Knast, Sozialarbeit“, der bald veröffentlicht werden soll.

In dem Versuch, sich nicht vollständig dem Destruktiven hinzugeben, zeichnet der Beuys-Liebhaber viele Jahre Akte. Auch in Zukunft will er sich mit lustvollen und heiteren Motiven beschäftigen. Doch erst einmal steht die Politik im Vordergrund. Im Dezember ließ der Künstler an der Klagemauer in Jerusalem seinen „Urschrei“ los, um sich kurz darauf vor den israelischen Grenzern die Kleider vom Leib zu reißen. Die Performance leitete ein aktuelles Projekt ein: Ein Symbol für den Frieden in Nahost, bestehend aus sieben Meter hohen Steinsäulen, die er in Ägypten, Israel und Palästina aufstellen will.

Die Vergangenheit bleibt präsent. Für eine 2014 geplante Ausstellung in der Erfurter Stasi-Gedenkstätte arbeitet Staudinger zur Zeit an neuen Gemälden. Geplant hatte er etwas anderes: Sieben Tage im Folterkasten. Die Idee wurde abgelehnt. „Die haben Angst, dass ich bei der Aktion sterbe, dabei bin ich schon tot“, schmunzelt der Künstler.

Psychische Folter

„Bulgarien war die physische Hölle. Aber die Narben verheilen.“ Was nicht verheilt, sind die seelischen Schäden. Die Erinnerung an die psychische Folter bleibt. „Ich bin noch nicht da, wo ich hin will. Ich muss verzeihen“, sagt Staudinger, während er gedankenversunken seine heruntergebrannte Zigarette anzündet. Eine nächste Stufe der Konfrontation ist das Treffen mit dem Mann, der die Folter damals angeordnet hat. Das ist in Vorbereitung. Er will sehen, wie sich der heute 80-jährige Oberst herausredet, wie er seine Moral erklärt. Staudinger: „Ich will das Ganze endlich begreifen.“

Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Ausgabe Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf, Nr. 15, 13.4.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

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