Trauma kulturell verarbeiten

Bombenhagel, getötete oder verwundete Verwandte, Zerstörung ihrer Heimat: Die Menschen, die im Flüchtlingsheim in der Motardstraße leben, haben Schlimmes erlebt. Viele kommen aus Ländern, in denen seit Jahren Kriege herrschen. „Sie haben die Hölle auf Erden erlebt. Manche realisieren erst hier, was da eigentlich geschehen ist“, erzählt Betreuerin Maryam Graßmann.

Das Erlebte muss irgendwie kanalisiert werden. Psychologische Betreuung der traumatisierten Flüchtlinge gibt es nicht. Deshalb haben sich Maryam Graßmann und ihre Kollegen einen eigenen Weg überlegt: Ein Kulturprojekt namens „Impulse”. Theater, Tanz und Gestaltung bilden die drei Eckpfeiler des Projektes, an dem externe Künstler, Heimbewohner und -mitarbeiter, wie auch der in Indien geborene und in Pakistan aufgewachsene Theaterpädagoge Ahmed Sheich, teilhaben. „Wir wollen den Menschen Beschäftigung und Impulse gleichermaßen geben“, sagt Graßmann. Ohne viele Worte soll der Einzelne in dem Theaterstück pantomimisch darstellen, was er erlebt hat, bevor er in die Motardstraße gekommen ist. Neben dem Theater soll es Tanzeinlagen geben – besonders die afghanischen Männer erfreuen sich an den Tanzveranstaltungen, die das Heim im Zuge des Kulturprojektes anbietet. Wer nicht aktiv im Stück auftreten möchte, kann gestalterisch tätig werden und am Bühnenbild mitwirken oder seine Geschichte erzählen, die dann in die Vorführung integriert wird. Für die Vorbereitungen sind zwei bis drei Monate eingeplant. „Die Berliner Gesellschaft soll auf die hier lebenden Menschen und deren Schicksale aufmerksam gemacht werden“, sagt die 26-jährige Betreuerin. Deshalb planen die Mitarbeiter, das Stück nicht nur in den verschiedenen Flüchtlingseinrichtungen, sondern auch in Theaterhäusern aufzuführen.

Die aktive Arbeit wird begleitet durch Dokumentarfilmerin Susanne Dzeik. Seit gut zwei Wochen begleitet sie das Projekt mit ihrer Kamera. „Die Leute gehen sehr offen mit der Kamera um“, freut sich Dzeik und ergänzt: „Ich freue mich, hier dabei zu sein und filmerisch einen Zugang zu den Geschichten zu bekommen. Das Projekt berührt mich sehr.“

Initiatorin des Projektes ist Maryam Graßmann. Sie betreut die Kinder und Jugendlichen im Heim. „Ursprünglich sollten besonders Jugendliche einbezogen werden. Sie haben viel erlebt und können sich, anders als Kinder, nicht allzu leicht davon ablenken.“ Doch auch die jüngeren und älteren Bewohner wollten teilhaben und so ist schließlich ein generationsübergreifendes Projekt entstanden. „Alle Ethnien sind bei ,Impulse’ vertreten. Und das ist ja auch genau die Idee des Kulturprojekts“, freut sich Graßmann, „wir wollen die Menschen zusammen bringen.“  Auch die Berliner sollen Einblick bekommen in die Vorgänge in den Flüchtlingsheimen, die überall in der Stadt verteilt sind. „Näher kann man an so viele Kulturen nicht kommen. Sie kommen direkt aus Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Syrien und Serbien. Sie haben noch keinen Migrationsprozess hinter sich, sind vollkommen unberührt und das ist etwas sehr Schönes“, findet die Graßmann: „Wir geben diesen Menschen die Chance, das Positive ihrer Kultur zu zeigen und sich gleichzeitig mit dem Erlebten auseinanderzusetzen. Das wird sehr positiv aufgenommen und so entstehen sehr intensive, schöne Momente.“

 Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Ausgabe Spandau Nr. 21, 23.03.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

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