Angst vor Hellersdorf

Der Druck auf Spandaus Asylbewerber wächst – wer nicht in das neue Hellersdorfer Asylheim in der Carola-Neher-Straße will, verliert seinen Anspruch auf einen Schlafplatz. Wieso die Flüchtlinge nicht in den Berliner Osten wollen und wie sie sich gegen den Umzug wehren.

Aus dem Krieg in den Krieg. Berlins Flüchtlingsunterkünfte platzen aus allen Nähten. Nur in Hellersdorf ist noch Platz. Aber hier protestieren die Rechten. Die Asylsuchenden aus der Spandauer Motardstraße haben Angst vor den neuen Nachbarn im Osten der Stadt. Trotzdem müssen sie umziehen, denn das Erstaufnahmeheim ist voll und jeden Tag kommen weitere Menschen, die auf eine neue Bleibe hoffen.

Flüchtlinge protestieren

42 Asylsuchende aus Spandaus Erstaufnahmeheim sollten Ende letzter Woche in Berlins umstrittenstes Flüchtlingsheim in Hellersdorf ziehen. Einige weigerten sich, viele protestierten. Nach Medienberichten spielten sich dramatische Szenen ab. Mehrere Personen sollen sich in ihren Zimmern verbarrikadiert haben. Manfred Nowak, Vorsitzender des Kreisverbandes Berlin-Mitte der Arbeiterwohlfahrt (AWO), beschwichtigt: „Verbarrikadiert hat sich hier niemand.“ Dass es Proteste gegeben habe bestätigt er. Den Menschen sei klar gemacht worden, dass sie mit Konsequenzen zu rechnen hätten, wenn sie sich nicht fügen würden. Laut Nowak könne das soweit gehen, dass das Asylverfahren komplizierter und länger würde. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) widerspricht: „Einfluss auf das Verfahren hat der Protest nicht. Aber wir garantieren auch keine Kostenübernahme für den weiteren Aufenthalt in der Motardstraße mehr“, sagt Claudia Schütz, Leiterin der Abteilung Soziales. Wer sich nicht fügt, muss sich auf eigene Faust eine Bleibe suchen. Ohne deutsche Sprachkenntnisse ein schwieriges Unterfangen. Die Protestler konnten schließlich überzeugt werden. „Alle 42 haben ihre Schlüssel abgegeben. Sieben sind dennoch nicht in der Carola-Neher-Straße angekommen“, sagt Marlies Baier, die das Erstaufnahmeheim leitet. Wo die Fehlenden abgeblieben sind war bis Redaktionsschluss unklar.

Drei Monate dürfen die Neuankömmlinge in der Motardstraße leben. Danach sollen sie weiterziehen. Das einzige Folgeheim mit freien Plätzen wurde vor zwei Wochen in Marzahn-Hellersdorf eröffnet. Hier gibt es Platz für 150 Personen. Die meisten kommen aus Spandaus Containerbauten, wo aktuell 591 statt, wie angedacht, 400 Menschen leben. 83 Bewohner hatte das Heim in der Carola-Neher-Straße bis Redaktionsschluss. Etwa 40 weiteren Asylsuchenden steht der Umzug direkt bevor. Doch die Angst vor dem neuen Flüchtlingsheim ist groß. „Keiner will nach Hellersdorf. Die Leute kommen zum Teil wieder zurück“, heißt es aus Mitarbeiterkreisen der Motardstraße. „Das Lageso geht ein Risiko ein. Da gibt es Rechtsradikale die Stimmung machen. Da kann was passieren.“ Lageso-Sprecherin Silvia Kostner sieht das anders: „Ich schätze die Sicherheitslage gut ein.“ Angeblich fühlen sich die Menschen mittlerweile wohl. Ein Wachdienst sei 24 Stunden täglich im Einsatz und auch die Polizei sei ständig vor Ort. Die Angst in der Motardstraße schmälert das nicht.

Traumatisierte bleiben

Doch nicht alle müssen nach drei Monaten umziehen. Einige Bewohner leben bereits seit einem Jahr in der Motardstraße, weil nirgendwo anders Platz geschaffen werden konnte. Bei der Auswahl der Neu-Hellersdorfer werde genau auf die persönliche Geschichte geachtet, erklärt Nowak. „Wegen der besonderen Situation in Hellersdorf werden dort keine traumatisierten Flüchtlinge untergebracht.“ Die „besondere Situation“ ist der massive Widerstand der Rechtsradikalen, die im Bezirk Stimmung gegen die Asylbewerber machen. Sowohl die NPD als auch Pro Deutschland demonstrierten bereits gegen das Heim – mit dem Effekt, dass hunderte von Gegendemonstranten sich ihnen in den Weg stellten und die rechten Parolen übertönten.

Der explosiven Stimmung in Hellersdorf zum Trotz gibt es keine wirkliche Alternative. „Wir haben nur da noch Platz. Wer keine Bekannten hat, zu denen er gehen kann, muss in die Carola-Neher-Straße“, sagt Schütz. Vorerst, denn ab Dezember soll es eine weitere Unterkunft in der Pankower Mühlenstraße und Anfang 2014 in der Spätstraße in Neukölln geben. Vier weitere Möglichkeiten werden zur Zeit geprüft – eine davon im Spandauer Birkenhof (das Abendblatt berichtete).

Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Ausgabe Spandau, Nr 35, 31.8.2013 http://www.abendblatt-berlin.de

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