Corona-Kolumne, Teil 1: Meine Angst, in Australien festzusitzen

Teil 1 meiner Corona-Kolumne für TRAVELBOOK

Die Coronakrise betrifft jeden. Weltweit. Während in Deutschland ein Geschäft nach dem nächsten vorübergehend schließt und viele vom heimischen Sofa aus arbeiten, stecke ich in Australien fest. Ich weiß noch nicht, wie und wann ich zurück nach Berlin komme. Für TRAVELBOOK durfte ich aufschreiben, wie es mir geht und wie die Situation in Melbourne ist. Außerdem habe sie mir überlegt, wie ich anderen in dieser Situation helfen kann.

Eigentlich wollten wir am kommenden Samstag (21. März 2020) nach sechs Wochen in Australien zurück nach Berlin fliegen. Dann kam Corona. Jetzt sitzen mein Freund und ich in Melbourne und wissen noch nicht, wann und wie wir nach Hause kommen. Meine Emotionen fuhren nach dieser Nachricht Karussell. Denn das Nicht-nach-Hause-dürfen bringt jede Menge Themen hoch.

Flug vielleicht gestrichen

Drei Stunden hänge ich in der Warteschleife der Airline, dann gebe ich auf. E-Mails und Facebook-Nachrichten bleiben unbeantwortet. Von der Airline selbst kommt nichts. Die Info, dass unser Flug nicht stattfindet, habe ich von der Airline-Website. Hier heißt es, dass alle Flüge von und nach Berlin vom 22. März bis 31. Mai gestrichen sind. Unser Flug sollte am 21. März in Melbourne starten, Transit über Singapur, von wo aus der zweite Flieger am 22. März um 1 Uhr früh Richtung Berlin fliegen sollte. Ich glaube das heißt, wir können nicht fliegen. Sicher bin ich nicht.

Auch die Botschaft erreiche ich nicht. Ich dachte, ich frage mal, was die so raten in puncto bleiben oder fliegen, Visa und Flug-Möglichkeiten. Dafür häufen sich die Nachrichten aus Deutschland – und ich schaue mir selbst dabei zu, wie ich von ruhig und belustigt über meine ungeplante Reiseverlängerung plötzlich ein bisschen panisch werde. Ein großer Trigger für mich: Die EU schließt ihre Grenzen (die Info, dass EU-Staatsbürger normal einreisen dürfen, habe ich im ersten Schock-Moment noch nicht). Plötzlich fühle ich mich extrem weit weg. Was ist, wenn meine 87-jährige Oma krank wird? Dann bin ich nicht in der Nähe, kann nicht zu ihr. Ich unterbreche die Negativschleife in meinem Hirn, als das in Worst-Case-Fälle abzudriften versucht. Immer wieder. Denn die Angst ist da und will ihren Raum.

Dann mischt sich ein weiterer Kritiker der aktuellen Situation in mein Gedankenchaos: Ich reise ja gern und viel und bin gerne monatelang unterwegs, aber freiwillig! Das Gefühl, nicht nach Hause zu können, wann ich will oder wenn meine Liebsten mich da brauchen, ist gruselig, beängstigend, einengend – und nimmt mich für den Moment komplett ein. Ich bin überfordert und habe das erste Mal seit vielen, vielen Jahren Heimweh. Oder Menschenweh. Denn meine Gedanken kreisen vor allem um meine Familie und Freunde und wie es denen geht. Es ist ein bisschen ein Doomsday-Gefühl, das sich für einen Moment da in mir breit macht. Angst vor dem Ungewissen, Angst davor, dass auf der anderen Seite der Erde was Schlimmes passiert. Angst davor, auf dieser Seite der Welt festzusitzen. Angst. Angst. Angst.

Was tun mit der Angst?

Angst war das erste Gefühl. Das beschäftigte mich die ersten Tage dieser Woche. Damit habe ich eine Weile gerungen, um wie so oft zu dem Schluss zu kommen, dass ich mich da jetzt einfach mit auseinandersetzen muss. Also habe ich meditiert und es zugelassen. Dann war es auch schon nicht mehr so schlimm. Außerdem habe angefangen, jede Menge Gespräche mit Mama, Papa, Oma und Freunden in Deutschland zu führen, Sprach- und Textnachrichten hin- und herzuschicken. Wie gut ist es, dass wir so digital vernetzt sind?! Das ist mein erster Positivaspekt, den ich in diesem Virus-Chaos finde.

Der zweite ist, dass plötzlich trotz angeordneter Distanz alle emotional ganz nah zusammenrücken. Mir helfen die Gespräche sehr, genauso wie ehrliche Einschätzungen der Lage in Deutschland zu bekommen. Vor allem aber zu hören, wie es allen wirklich geht – die meisten in meinem Umfeld nehmen die Einschnitte in den Alltag und ihr neues Leben auf der Couch bisher einigermaßen mit Humor, überlegen sich jede Menge schöne Dinge, die sie nun tun können. Das hilft.

Fliegen oder bleiben?

Auf meiner Seite der Erde gibt es weiter nur schleppend Infos. Das Auswärtige Amt, auf dessen Krisenliste ich mich schließlich schreibe, schickt mir eine E-Mail von Botschafter und Konsul in Canberra und Sydney, in der erklärt wird, dass es gut wäre, sobald wie möglich auszureisen. Dass es da ein Rückholpaket gebe, das aber zunächst nur für Menschen in ein paar Ländern mit politisch instabiler Lage gelte. Australien ist nicht so instabil. Währenddessen schickt die Fluggesellschaft diverse E-Mails, wie ich upgraden und meinen Sitzplatz verändern kann. Nichts zu Corona oder dem Status meines Fluges – und ich frage mich, was das bedeuten soll. Ich dachte, unser Flug fällt aus?!

Also fahren wir Mitte der Woche zum Flughafen. Die Airline hat hier keinen Schalter mehr, auch sonst scheint es in Melbourne niemanden zu geben, der zuständig ist. Ich frage bei einer anderen Airline – und habe Glück: der Mitarbeiter hat bis vor Kurzem noch für meine zuständige Airline gearbeitet und kann nachfragen. Das Ergebnis wie gedacht: Wir können nach Singapur fliegen, nach Berlin aber nicht. Die Flugsperre ist dann genau eine Stunde alt. Das ist zwar doof, aber zumindest wissen wir jetzt, woran wir sind und können überlegen, wie es weitergeht. Da stehen wir jetzt.

Emotional bin ich inzwischen einigermaßen ruhig und gehe davon aus, dass das, was passiert, schon richtig sein wird. Die Entscheidung selbst, was wir jetzt tun, können wir beide noch nicht treffen. Ich bin hin- und hergerissen, zwischen Umständen und Gefühlen. So sehr es mich emotional nach Hause zieht, einfach um in der Nähe meiner Lieben zu sein, so sehr sehe ich gleichzeitig auch, dass wir dann de facto einfach nur wie alle anderen in unserer Wohnung sitzen. Ich kann da gut arbeiten. Mein Freund ist Personal Trainer, sein Fitnessstudio längst geschlossen, er also nicht so gut. Da ist es hier eigentlich besser. Im Moment gibt es in Australien im weltweiten Vergleich noch nicht viele Fälle, aktuell sind es 565 (Stand: 19. März). Quarantäne gibt es bisher keine.

Es ist leer auf den Straßen, aber Leben findet weiterhin statt, die Geschäfte sind überwiegend geöffnet. Wie wohl überall gibt es verrückte Hamster-Käufer, so dass Dinge wie Fleisch, Nudeln, Haferflocken, Klopapier und Salat überwiegend ausverkauft sind. Und selbst wenn die Quarantäne kommen sollte, leben wir hier mit zwei Freunden in einem Haus mit Garten oder kaufen einen Van und fahren ein bisschen ins Outback – falls das dann noch geht. Das klingt alles machbar.

Gleichzeitig ist da eben dieses Menschenweh und das Gefühl, nach Hause zu wollen. Ich bin unentschlossen. Im Moment ist es auch angesichts weniger, dafür teurer und blöd angebundener Flüge nicht ganz so einfach, diese Entscheidung zu treffen. Das Geld für unseren gestrichenen Flug gibt es bloß per Voucher, den wir in den nächsten zwölf Monaten einlösen sollen. Also treffen wir jetzt gerade einfach keine Entscheidung und warten ab.

Was machen während der Krise?

Und was tun wir stattdessen? Trotz noch nicht eingesetzter Quarantäne sind wir überwiegend zu Hause. Reden viel darüber, was wir aus der Krise lernen können, wo wir im Alltag vielleicht mal umdenken sollten und überlegen, wie wir das Zuhause-Sein nutzen können, um nicht vor Langeweile in den Tiefen von Netflix & Co. zu versinken. Meditieren, Yoga machen, Bücher lesen, eine neue Sprache lernen, das eigene Onlinebusiness aufbauen zum Beispiel. Die beiden Personal Trainer hier überschlagen sich fast an Ideen, wie man die Quarantäne zum Home-Workout nutzen kann und filmen Videos, die sie nach und nach online stellen.

Angesichts meiner eigenen kleinen emotionalen Überforderung am Anfang habe ich mir etwas überlegt, das ich gern anbieten möchte: Ich arbeite seit einer Weile neben dem Schreiben als Life Coach und biete aktuell kostenlose Corona-Coaching-Sessions an. Warum? Ich glaube, dass angesichts dieser Krise bei vielen intensive Gefühle hochkommen. Angst, Einsamkeit, Eingeengt-Sein sowie wahrscheinlich zahlreiche zwischenmenschliche Themen, die im Alltag gut verdrängt werden können. Ich glaube das Überfordert-Sein damit ist normal. Deshalb möchte ich gern helfen. Wer Lust darauf hat, kann mir gerne eine Nachricht schicken.

Veröffentlicht auf Travelbook.de.

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