Ohne Kind und Mann in Amsterdam

Ich war lange Zeit begeisterte Soloreisende. Dann kamen Mann und Kind in mein Leben und fortan waren wir nur noch im Zweier- und Dreier-Pack unterwegs. Kürzlich bin sie zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder allein weggefahren. Was habe ich dort wiederentdeckt? Mich selbst. Für TRAVELBOOK durfte ich diese Erfahrung zum Verreisen ohne Kind aufschreiben. (Den ganzen Artikel bei TRAVELBOOK lesen.)

Nervös schaue ich auf die Anzeigetafel des Zugs, spüre das Druckgefühl in der Brust, das mich bereits den ganzen Vormittag begleitet. Was ist denn los mit mir? Ich bin schon so oft allein verreist, überall in der Welt, gefühlt allein in Kabul, tatsächlich allein in Sri Lanka, in Neuseeland, Australien, Portugal, … Und jetzt bin ich nervös? Wegen eines Wochenendausflugs nach Amsterdam?! Yep, nervös, um nicht zu sagen ehrlich ängstlich. Aber weswegen eigentlich? Der Kopf liefert sofort die logische Erklärung: Weil in den Zügen zuletzt so viel passiert ist und die Welt sich gerade so unsicher anfühlt. Weil ich Angst habe, dass mir etwas passieren und mein Kind mich verlieren könnte. Gut, klar, stimmt. Und doch ist gerade nichts da, was tatsächlich bedrohlich wäre. Mittlerweile sitze ich in meinem Sitz, mit Kaffee und Buch in den Händen, die Landschaft fliegt an mir vorbei. Alles fein. Und trotzdem fühle ich mich im Moment wie damals in Kabul, als irgendwo in der Nähe Dinge explodierten.

Allein in Amsterdam

Angekommen in Amsterdam lockert sich der Druck in der Brust ein wenig, der Atem fließt wieder leichter durch den Hals. Ich schaue hoch an wunderschönen Häusern, tief hinein ins dunkle Wasser der Grachten und bleibe mitten auf der Brücke stehen. Spüre die Sonne auf meinem Gesicht und ein kleines Stimmchen in mir, das leise flüstert: „Das bist du ja wieder.“ Noch etwas wackelig auf den Beinen laufe ich Stunde um Stunde durch diese wunderschöne Stadt, schaue, spüre und lasse das Drumherum auf mich wirken und von meiner Neugier in Gassen und entlang schicker Straßen treiben.

Stimmt, so war das früher immer. Allein. Ohne Kind, das lieber auf den Spielplatz als stundenlang durch jede Menge Straßen laufen will. Ohne Mann, der mit Training und gesunden und regelmäßigen Essgewohnheiten ebenfalls eigene Ansprüche ans Reisen mitbringt. Damals, als ich noch Hinflugtickets gebucht habe ohne eine Idee, wann ich wiederkomme. Als ein Hinflugticket oftmals nicht bedeutet hat, dass ich auch aus dem selben Land wieder zurückfliege. Als ich kein Zuhause hatte und die Welt mein Zuhause war. Als die Welt offen vor mir lag und nichts und niemand mich davon abbringen konnte, meiner eigenen Nase zu folgen. Heute sind wir zu dritt. Reisen ist ein bisschen anders geworden.

Workshop bei Elizabeth Gilbert

Fast forward, der Morgen danach: Tränen rinnen über meine Wangen, mein Mund weiß nicht mehr wohin noch ausbreiten, hat er schon die gesamte untere Gesichtshälfte in ein Lachen verwandelt. Ich bin an diesem Wochenende bei einem Workshop einer meiner persönlichen … ja, was denn eigentlich … Rollenvorbilder, Gurus, Mentorinnen – you fill in the blank. Ich sitze also in einem Workshop von Elizabeth Gilbert, Autorin unter anderem von „Eat Pray Love“, „Big Magic“ und „All the way to the river“. Darf mich von dieser, für mich so faszinierenden Frau durch Aufgaben führen lassen und lernen (wen das näher interessiert, vieles davon ist nachzulesen in „Big Magic“).

Liz füllt den Raum. Und ich spüre deutlich, dass das hier genau so und genau jetzt richtig ist. Allein in einer anderen Stadt, ohne meine Familie, und beschäftigt mit einem Thema, das ich auf Reisen entdeckt und zu meinem gemacht habe. Und das irgendwo unterwegs in die Mutterschaft verbuddelt wurde. Nicht mehr so wichtig, irgendwie in den Hintergrund gerückt, hinter all das, was im Alltag mit Kind wichtiger ist. Plötzlich erinnere ich mich wieder. Daran wie es war, als ich noch allein in der Welt unterwegs war. Als ich mir Kind und Mann noch sehnlichst gewünscht habe. Diese Jahre waren wunderschön und sehr schmerzhaft. Aber sie waren meine Jahre. Meine Zeit, in der ich mein Leben ganz genau so gelebt habe, wie es für mich richtig war. Meine Zeit, in der ich Stück für Stück rausgefunden habe, was ich eigentlich vom Leben will und was mir wichtig ist. All das spüre ich heute wieder. Mit einem wohligwarmen Gefühl, das damals fehlte: Mein Kind und auch mein Mann sind hier mit mir, viele meiner Worte beziehen sie mit ein. Sie sind hier. Und ich bin endlich mal wieder allein mit mir.

Allein, aber nicht einsam

Allein war ich früher viel, sehr viel sogar. Habe immer gerade die Momente allein nicht nur gesucht, sondern oft auch klar vor Momenten mit zufälligen Urlaubsbekanntschaften favorisiert. So auch an diesem Wochenende. Viele Teilnehmerinnen des Workshops sehe ich im Hotel wieder, viele wollen das, was wir an diesem Wochenende erleben und das so viele Fragen über das eigene Leben aufzuwerfen vermag, besprechen, sich austauschen. Ich nicht. Stattdessen erkläre ich einer lieben Hotelnachbarin: „Ich bin seit sieben Jahren nicht mehr allein unterwegs gewesen, fast immer mit Mann und Kind zusammen. Ich will gerade einfach nur mit einer Pizza in meinem Hotelzimmer sitzen und mit mir allein sein.“ Das kann sie zum Glück gut verstehen und so sitze ich wenig später grinsend vor Glück in meinem Zimmer. Es ist so lange her. Mir war nicht einmal bewusst, wie sehr mir das gefehlt hat. Allein mit mir in einem Hotelzimmer. So simpel. Es ist nur ein Wochenende, eine kleine Auszeit. Und ganz ehrlich, länger würde ich es gar nicht wollen. Ich liebe es, meinem Kind die Welt zu zeigen. Zu zweit und zu dritt zu verreisen. Das werden wir auch weiterhin tun. Aber dieses Wochenende ist einfach nur meins. Und eine wunderschöne Erinnerung an mich.

Mit Kind und Mann telefoniere ich später auch – und kann die verblüffte Freude auf beiden Gesichtern sehen. Irgendwas ist anders an Mama. Ich schaue in den Spiegel. Die Frau, die da zurückschaut sieht aus wie früher. Kaum wieder zu erkennen.

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