Hochmut kommt nach dem Fall

Bild: Stefan Bartylla

Bild: Stefan Bartylla

Da bin ich: 125 Meter über der Erde.  Die Knie schlottern, der Puls steigt merklich und immer wieder die Frage: Bin ich eigentlich lebensmüde? An einem dünnen Seil im Freifall vom Park Inn runter?! Was ist, wenn das Seil reißt? Was ist, wenn die Jochen-Schweitzer-Jungs mich nicht rechtzeitig abbremsen? Und dann stehe ich da. Vorne. Direkt an der Kante. Vor mir die unglaublichste Aussicht über Berlin. Unter mir der Alexanderplatz – weit unter mir. Ein unbedachter Schritt und das war’s dann.

„Dreh dich langsam nach links“, sagt Mitarbeiter Ronny. Ja, der hat gut lachen, hat das wahrscheinlich auch schon zig Mal gemacht. Noch ein paar letzte Anweisungen, der Gurt wird ein letztes Mal festgezurrt und dann wird das Seil befestigt. Auf der Rückseite des Sicherheitsgurtes ist der Karabiner. Das soll halten? „Jetzt leg deinen linken Arm an das Geländer“. Das Herz rast immer schneller. „Jetzt der rechte Arm.“ Die Augen weiten sich. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Und dann stehe ich da, vor mir: Nichts. Außer einer riesigen Betonfläche mit Playmobilgroßen Figuren ganz weit unten, die zu mir hochschauen und sich sicher auch fragen, wieso man sich freiwillig aus 125 Metern Höhe fallen lässt. „Wir kippen dich jetzt leicht nach vorn.“ Gesagt, getan. Dann geht es noch ein Stück weiter. Der ganze Körper hängt fast in der Waagerechten über dem Abgrund. Von ganz weit her höre ich Stimmen. Kolleginnen die mich anfeuern. Doch die dringen nur am Rande an mein Ohr. Ich hänge dort. Und noch einmal flammt für einen kurzen Moment der Gedanke auf: Ich kann doch nur bescheuert sein! Ein letztes Mal schweift der Blick über die Stadt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Dann wird der rote Knopf gedrückt.

Und ich falle. Immer schneller. Fühle kein Seil mehr, fühle mich schwerelos. Kein Gedanke mehr im Kopf. Nichts, außer dem Gefühl grenzenloser Freiheit. Sekundenlang falle ich. Sehe die Stadt an mir vorbeiziehen. Unbeschreiblich. Dann spüre ich plötzlich, wie ich langsamer werde. Das Seil ist wieder da. Die Angst ist weg. Adrenalin durchströmt den ganzen Körper. Pures Glück ersetzt jede Panik, die dort oben noch wie zum Greifen nahe war. Langsam werden die Menschen sichtbar. Die Geräusche der Stadt sind wieder da.

Unten angekommen. Zwei Mitarbeiterinnen nehmen mich in Empfang. Plötzlich stehe ich wieder auf sicherem Boden. Und die ganze Anspannung der letzten Minuten fällt von mir ab. Die Knie sind weich. Der ganze Körper zittert. Kaum komme ich die Stufen alleine runter. Und ich kann nicht anders, als über das ganze Gesicht zu strahlen. Die Gedanken kommen wieder. Ich habe es wirklich getan. Ich habe den inneren Schweinehund überwunden. Bin wirklich gesprungen. Und dann drängt sich ein Gedanke ganz nach vorn, bleibt da. Geht nicht mehr weg. Ich will noch einmal!

Veröffentlicht im Berliner Abendblatt, Gesamt Nr. 34, 24.08.2013
http://www.abendblatt-berlin.de

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