Hinter Mauern

Eine Stadt wie Kabul kann zuweilen beängstigend sein. Der Aufenthalt in einem, von hohen Mauern umgebenen, Haus löst noch zusätzlich ein Gefühl tiefster Beklemmung aus. Theoretisch frei, fühlt es sich hier schnell an wie in einem Gefängnis, ungeschützt vor Gefahren

Das direkte Umfeld: ein Haus, umgeben von einer hohen Mauer, darauf Stacheldrahtrollen. Ein Eindringling hat es hier schwer. Vor dem Haus ein Garten. Die Mauer verwehrt den Blick auf die Straße. Lediglich die oberen Stockwerke der Nachbarhäuser sind zu erkennen. Zwischen den Häusern blitzen die sonnenbeschienenen Berge des Hindukuschs. Früher sei der Blick weitaus schöner gewesen, erzählt der Hausherr. Heute ist Kabul wie die meisten Großstädte zugebaut. Der Blick aus dem Schlafzimmer geht auf das Gebäude an der Rückseite des Hauses. Den Hals soweit es gelingt aus dem Fenster hinaus gereckt, sieht man in der Nähe eine weiße Moschee mit blauem Dach. Ansonsten auch von hier nur Gebäudeteile und Stacheldraht. Einen Lichtblick bietet der Himmel. Weit erstreckt er sich über der geschundenen aber im Aufbau begriffenen Stadt. Wolken und Sonnenstrahlen tanzen über das Blau. Bei genauem Hinsehen, schweben hier und da braune und graue Drachen. So mehr Zeit sich der geübte Betrachter lässt, umso mehr fliegende Vierecke sind zu sehen – ähnlich den Sternen in einer europäischen Großstadt.

So starre und mehr oder minder gleich bleibende Bilder diese Kulisse bietet, so mehr Geräusche umgeben sie. In direkter Umgebung Gelächter, Klatschen, Rufe und lautes Geschrei – ein Tor. Ein Fußballspiel der Nachbarsjungen. Viele Kinder müssen hier zusammengekommen sein. Eine Sirene stört die freudige Ausgelassenheit. Laut tönt sie durch die Stadt, dass auch alle sie hören können. Es ist keine Idylle, es passieren Dinge, schlimme Dinge, und jeder soll davon erfahren. Der Hund bellt, jemand steht vor dem Tor. Ein streunender Hund? Ein Gast mit guten Nachrichten? Einer der keine guten Absichten verfolgt? Womöglich sogar rauben oder töten will? Nichts ist zu hören außer dem Hundegebell. Dann wird auch dieses Geräusch übertönt. Es ist fünf – die schiitischen Muezzine besingen Allah, die gesamte Stadt ist voll ihres Lobgesangs. Zehn Minuten später folgen die Sunniten. Und hinter allem der Straßenlärm. Ein ganz normales Geräusch für den Bewohner einer westlichen Großstadt. Und doch erscheint er in dieser Stadt bedrohlicher als in der Heimat. Wieso? Weil man in jedem Moment die Detonation einer Bombe erwartet, die wieder ein paar Menschenleben fordert? Oder weil dem Westler diese Welt mehr als fremd, beinahe unwirklich erscheint und ein Geräusch wie der Lärm des Straßenverkehrs schon fast zu normal ist, als dass man ihn in das neu erworbene Bild des Orients einordnen könnte? Plötzlich ein neues Geräusch. Definitiv bedrohlich. Militärhubschrauber. Erst einer, dann der zweite – das Erkennungszeichen des Militärs, hier fliegt keiner allein, immer sieht und hört man sie paarweise, einer allein wäre schutzlos der unsichtbaren Bedrohung ausgesetzt, die dort unten lauert.

Die Sinne schärfen sich an einem solchen Ort. Nicht unbedingt der Blick, vielmehr verschwommen wird er zuweilen, wenn der Staub der Stadt sich in die Augen legt. Doch die Ohren hören genauer hin, hören jedes einzelne Geräusch, bewerten und wandeln es um in ein Gefühl – Sicherheit oder Bedrohung?!

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