Frau Europa

„Frau Europas“ – das ist doch mal ein Titel. Viel mehr geht nicht. Bisher wurde er an arrivierte Politikerinnen, etwa Gesine Schwan, verliehen. Dieses Jahr geht er ins Münsterland: an die Havixbeckerin Linn Selle.

Von Anna Wengel

Als sie erfuhr, dass sie den Ehrentitel am 26. Januar in Berlin erhalten würde, fragte sie sich schon: „Womit habe ich das verdient?“ Denn leidenschaftliche Befürworterinnen eines vereinten Europas und gleichzeitig glühende (Lokal)patriotinnen gibt es viele. Diese Frage beschäftigt Linn Selle jetzt seit Juli 2014. „Anders als meine Vorgängerinnen kann ich nicht auf ein 20-jähriges Engagement zurückblicken“, sagt Selle. Sie wundert sich, dass gerade sie in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie Gesine Schwan gestellt wird – die zwar nicht unumstritten ist, aber immerhin fast mal Bundespräsidentin geworden wäre.

Ansporn statt Belohnung

Selle ist 28 Jahre alt, Politikwissenschaftlerin, Havixbeckerin. Und jetzt die jüngste „Frau Europas“. „Für mich ist der Preis mehr Ansporn als Auszeichnung“, sagt sie, während sie sich die kurzen braunen Haare aus der Stirn streicht und nachdenklich aus dem Fenster ihres WG-Zimmers in Berlin-Neukölln schaut. Ein Ansporn, sich weiter für Europa einzusetzen. Nicht locker zu lassen, bis das europäische Gemeinschaftsgefühl den Nationalgedanken überholt hat. Sich auf den Lorbeeren auszuruhen kommt für die Westfälin nicht in Frage. Obwohl sie hart gearbeitet hat. Nicht ohne Grund ist der Preis eben doch eine Auszeichnung. Für außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement für ein vereintes Europa.

Kampf für das TV-Duell

Im April 2014 heizte Selle die Massen mit ihrer Onlinepetition „Europa aus der Sparte“ an. ARD und ZDF planten ein TV-Duell zwischen den Spitzenkandidaten der Europawahl. Was Selle und ihren Kollegen von den Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) missfiel: Das Duell sollte nur auf Phoenix gezeigt werden – und damit nicht die breite Masse erreichen. Es folgte ein Gespräch mit dem Intendanten und eine Petition, die binnen zehn Tagen rund 30.000 Unterstützer fand. Selle ist stolz auf diesen Erfolg. Zwar lenkten ARD und ZDF nicht ein, dennoch sieht sie die vielen Unterschriften als „wichtiges politisches Zeichen“. Sie hofft auf ein Umdenken bei der Europawahl 2019.

Vier Jahre war Selle in der JEF aktiv. Nach zwei Jahren im Bundesvorstand übernahm sie ab 2012 die Rolle der Repräsentantin. Fortan vertrat sie die Interessen der überparteilichen Jugendorganisation nach außen. Um sich bei Aktionen wie der Petition Gehör zu verschaffen, nützt ihr neben Fachkompetenz und Charisma ihre natürliche Fähigkeit zu kommunizieren. Selle beschreibt sich selbst als extrovertiert – zumindest im professionellen Kontext. Freunde und Familie kennen sie anders: Nachdenklich, teilweise introvertiert, mit einem großem Verlangen nach Zeit für sich allein. Christine Oymann, Selles beste Freundin seit Kindertagen, sieht in der Politikwissenschaftlerin ein personifiziertes Europa. Oymann: „Linn ist so gelassen, ruhig und harmoniebedürftig wie Skandinavier. So impulsiv und lebensfroh wie Südländer und so zielstrebig, wie man es Engländern und Deutschen nachsagt. Vor allem anderen ist Linn eine weltoffene Europäerin.“ Für Oymann gehören Linn Selle und Europa zusammen.

Heimatliebe

Schon früh interessierte sich die Münsterländerin für Politik: „Meine Eltern haben beim Abendessen über das politische Weltgeschehen gesprochen. Als ich alt genug war, eine Meinung zu haben, habe ich mitdiskutiert.“ Kein Wunder, dass sich das frühe politische Interesse in die folgenden Jahre überträgt. „Andere machen in meinem Alter viele Reisen, ich engagiere mich eben politisch“, sagt Selle zu ihrer JEF-Aktivität. „Für mich ist das keine Arbeit, vor allem anderen macht es Spaß.“ Das muss es wohl, denn auch wenn sie nicht für die JEF aktiv war, lag die 28-Jährige nicht auf der faulen Haut. Nach dem Master in „European Studies“ bestimmten Dissertation und wissenschaftliche Mitarbeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) den verbleibenden Alltag.

Wächst ihr das alles doch mal über den Kopf, sucht sie Abstand im elterlichen Haus an der Ostsee. So oft wie möglich, kehrt sie auch an den Ort zurück, der für sie vor allen anderen Heimat bedeutet: Münster. „Obwohl ich seit Jahren nicht mehr im Münsterland wohne, bin ich glühende Lokalpatriotin“, sagt Selle. Bei der Erwähnung ihrer Heimat lockern sich ihre Gesichtszüge. Strahlend erzählt sie: „Bei jedem Besuch versuche ich auf den Markt zu gehen, um Blumen und eine leckere Käsetüte zu kaufen.“ Früher verbrachte sie die meiste Zeit am Hafen und am Haverkamp: „Man ist fast schon erschrocken, wie sich der Hafen seitdem verändert hat. Als ich da mit meinen Freunden abgehangen habe, gab es nur den Hot Jazz Club.“

Auf Gesine Schwans Spuren

Trotz der Heimatliebe zog Selle 2006 für das Politikwissenschafts-Studium nach Bonn. Von dort aus ging es ans IEP in Paris und nach dem Bachelor nach Berlin. Seitdem pendelt sie für Master, Job und Promotion nach Frankfurt (Oder). Den Job an der Viadrina hat die angehende Doktorin gekündigt. Auch aus der JEF zieht sie sich zurück. „Es war viel Arbeit und jetzt sind andere junge Leute dran“, erklärt Selle. Im Februar startet die Politikwissenschaftlerin bei der Verbraucherzentrale Bundesverband als Referentin zum Thema Transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP). Neben der halben Stelle arbeitet sie weiter an ihrer Dissertation. Ehrenamtlich will sie sich fortan im Vorstand der Europäischen Bewegung engagieren. Außerdem liegt ihr Mitgliedsantrag bei der SPD. Damit dürfte sie noch etwas näher an Vorgängerin Gesine Schwan heranrücken.

Wer darf Frau Europas“ werden:
Der Preis „Frauen Europas – Deutschland“ wird jährlich an die Frau vergeben, die sich nach Meinung der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD) ganz besonders mit ihrem ehrenamtlichen gesellschaftlichen Engagement für „das Zusammenwachsen und die Festigung eines vereinten Europas“ einsetzt. Den Preis gibt es seit 1991. Er ist nicht dotiert. Die Preisträgerin erhält als symbolische Auszeichnung eine Brosche. Preisträgerinnen waren unter anderem Fast-Bundespräsidentin Gesine Schwan (2005), Bürgerrechtlerin Irina Gruschewaja (2011) und die Physikerin und Ex-Präsidentin des Thüringer Landtags, Dagmar Schipanski (2000). Die Kandidatinnen werden von EBD-Mitgliedsorganisationen sowie den bisherigen Preisträgerinnen vorgeschlagen. Die Entscheidung trifft eine Jury aus Mitgliedern des EBD-Vorstands und den bisherigen „Frauen Europas – Deutschland“. Der Preis wird in Berlin verliehen.

Veröffentlicht in: MÜNSTER!, Nr. 33, Februar 2015
www.muenster-magazin.com

 

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