Esther E.: Mein Leben als deutsche Muslima

 

Deutsche. Muslima. Feministin. Esther E.[*] ist schwer in eine Schublade zu stecken. KOMPASS-Redakteurin Anna Wengel hat es gar nicht erst versucht, sondern sich stattdessen angehört, wieso die Dortmunderin mit 21 Jahren zum Islam konvertiert ist, wie es sich als deutsche Muslima in Deutschland lebt und wieso Kopftücher viel mit Feminismus zu tun haben (können). Porträt einer deutschen Islam-Konvertitin.

Ein einziger Blick in Esthers hellblaue Augen verrät, dass die 29-Jährige schon viel erlebt hat. Viele Facetten dieser Welt wurden ihr bereits gezeigt, nicht alle positiv. Esther ist eine deutsche Muslima. 2011 ist die gebürtige Dortmunderin zum Islam konvertiert. Ihr Glauben ist nicht bloß Teil von ihr, er ist in allen Facetten ihres Lebens sichtbar. Beruflich wie privat, innerlich wie äußerlich.

Esther E. war eine Suchende – wie ihr verstorbener Vater

Esther wuchs als „einzige Tochter einer evangelischen Presbyterin und eines langhaarigen Reiki-Lehrers“ auf, wie sie dem KOMPASS im Interview erzählt. Schon früh bereiste sie mit ihren Eltern Indien, Armenien, Israel sowie viele europäische Länder. Glaube und Spiritualität waren in ihrem Elternhaus immer Thema und besonders ihr Vater war auf ihrem Weg zum Islam ausschlaggebend: „Mein Vater war ein Suchender. Das habe ich nach seinem frühen Tod wahrscheinlich von ihm übernommen.“ Esthers Vater starb als sie zehn Jahre alt war. Elf Jahre später starb ihre Mutter.

Aufgewachsen ist Esther als Protestantin. Streng gelebt hat sie ihren christlichen Glauben nicht. Zu weit weg, irgendwie zu wenig fassbar war Gott für sie im Christentum. „Gott war für mich immer der Schöpfer, der da oben im Himmel thront und auf uns Menschen herabschaut“, sagt sie gegenüber dem KOMPASS. Das ist heute anders.

Der Islam war immer schon ein bisschen da

Der Islam war Esther nie ganz fremd. Schon früh brachten muslimische Freunde in Schule und Studium der Dortmunderin das Thema näher und weckten ihr Interesse an der Kultur und Religion. So mehr sie sich mit dem Islam beschäftigte, desto mehr spielte sie auch mit dem Gedanken zu konvertieren. Bis sie sich dafür entschied, vergingen jedoch Jahre. Zu stark war die Bindung an den Glauben, in den sie hineingeboren worden war. Zu stark die Zweifel, ob man überhaupt konvertieren kann. „Ich habe mich gefragt, ob es nicht mein Schicksal ist, als Christin geboren zu sein“, sagt Esther.

Entscheidend auf ihrem Weg weg vom Christentum und hin zum Islam war ein zweijähriger Aufenthalt in Marokko. Dort lebte Esther zwischen 2009 und 2012 und erlebte einen Islam, der anders war als alles, das sie bis dahin gehört und gelesen oder auch in Deutschland gesehen hatte. „In Marokko gehört zum Beispiel dieses Bild zum Alltag: Zwei Freundinnen, eine voll verschleiert, die andere im Minirock, die eingehakt über die Straße laufen, lachen und aufgeregt miteinander quatschen. Das hat mich sehr beeindruckt, weil es so weit weg war vom Dogmatismus. Es zeigte mir, dass es im Islam die Freiheit gibt, dass jeder seine Religion so ausleben kann, wie er oder sie möchte.“ Das gefiel der jungen Deutschen, die seit dem Tod ihres Vaters immer auf der Suche nach Halt und dem Sinn des Lebens gewesen war und auch in ihrer Mutter nicht die nötige Stütze fand.

Noch etwas anderes beeindruckte Esther: anders als im Christentum erschien ihr Gott im Islam von Anfang an sehr viel näher. Die Stelle im Koran, an der es heißt, Gott sei dem Gläubigen näher als die eigene Halsschlagader, wurde so für Esther schnell zu ihrem sinnbildlichen Gottesverständnis. Als ihr bewusst wurde, was damit gemeint war, wurde sie für sich selbst zur Muslima. Vier Monate nach Esthers Glaubenswechsel starb ihre Mutter.

Esthers Suche war mit der offiziellen Konvertierung zu ihrem neuen Glauben, bei der sie das Glaubensbekenntnis des Islam, die Schahāda, vor zwei Zeugen aussprechen musste, jedoch nicht beendet. „Es hat noch ein paar Jahre gedauert, bis ich meinen persönlichen Weg gefunden habe. Ich war eine Suchende innerhalb des Islams“, sagt sie im Interview. Seit rund zwei Jahren hat die Dortmunderin nun das Gefühl, am Ende ihrer Suche angelangt und in ihrem Glauben angekommen zu sein. „Ich kann Gott heute an meiner Seite fühlen. Er ist sich nicht zu gut für uns Menschen, er weilt schlichtweg immer neben mir.“ Das gibt Esther Kraft und eine Sicherheit, wie sie sie nie zuvor gespürt hat.

So lebt es sich als deutsche Muslima in Deutschland

Wie vor ihrer Konvertierung trägt Esther heute Jeans, Hoodies und Sneakers. Anders als vorher sind ihre blonden langen Haare heute jedoch von einem Kopftuch verdeckt. Grund genug für manche Menschen hierzulande, die 29-Jährige zu beschimpfen: „Bevor ich angefangen habe Kopftuch zu tragen, habe ich Deutschland für ein relativ tolerantes Land gehalten. Das Bild ist dadurch ins Wanken geraten. Manchmal beschimpfen mich fremde Menschen auf der Straße und fordern mich auf, dahin zurückzugehen, wo ich herkomme. Für mich ist das absurd und irgendwie witzig, ich komme eben aus Dortmund. Für Menschen mit Migrationshintergrund muss es aber unfassbar frustrierend sein.“ Besonders von muslimischen Freundinnen und Freunden weiß Esther, wie stark Rassismus in Deutschland verbreitet ist. Wegen ihrer weißen Haut und ihres deutschen Nachnamens ist die 29-Jährige davon weit weniger direkt betroffen als viele ihrer Freunde. Weniger beunruhigend empfindet sie das Thema deshalb aber nicht: „Insgesamt empfinde ich, dass sich die Stimmung in Deutschland immer mehr anspannt. Das besorgt mich. Es ist schließlich meine Heimat und ich fühle mich Deutschland verbunden. Wenn mir Hass nur aufgrund einer Textilie auf dem Kopf entgegen schlägt, stimmt mich das traurig“, sagt Esther im Interview.

Doch natürlich bringt das Leben als deutsche Muslima in Deutschland in puncto Außenwirkung auch schöne Erfahrungen mit sich: „Manchmal bekomme ich Komplimente von Wildfremden, die mir sagen, dass sie mein Tuch schön finden, dass es schön gebunden ist oder gut zu meiner Augenfarbe passt.“ Neben Hass und Komplimenten ist es oft auch einfaches Interesse, das Esther begegnet. Häufig wird sie etwa im Berufsleben auf ihren Glauben angesprochen. Ganz angenehm ist ihr das jedoch nicht immer: „Ich schätze es, wenn Menschen, die mich kennenlernen mich nicht direkt auf das Kopftuch oder den Islam ansprechen, sondern mich als Mensch kennenlernen wollen. Irgendwann kommt das Gespräch meist auf das Thema, aber dann ist es angenehm. Das unbeständige Fragen von mir unbekannten Menschen empfinde ich als übergriffig. Ich bin ja kein wandelnder Infopoint für den Islam. Zumal ich am Ende nur aus meiner eigenen Sicht sprechen kann. Denn ‚den Islam’ gibt es ebenso wenig wie ‚die Muslime’.“

„Das Recht an ihrem Körper sollte bei jeder Frau selbst liegen.“

Gerade das Kopftuch spielt beim Thema Vorurteile eine Rolle. Besonders von Frauen bekommt Esther deswegen Rassismus zu spüren – eine Realität, die die Dortmunderin bedauert. „Deutschland als multikulturelle Gesellschaft braucht einen intersektionalen Feminismus. Ich für mich stehe dafür ein, dass jede Frau individuell darüber entscheiden kann, was sie tragen und was sie von ihrem Körper zeigen möchte“, erklärt Esther im Interview mit dem KOMPASS. Ebenso wie jede Frau nach Esthers Ansicht entscheiden dürfen sollte, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht, solle auch jede Frau „mit bauchfreiem Top und Hot Pants auf die Straße gehen können, ohne belästigt zu werden. Das Recht an ihrem Körper sollte bei jeder Frau selbst liegen“, findet die Muslima.

Entsprechend klar ist auch Esthers Meinung zur medialen Kopftuchdiskussion: „Ich lehne eine Kopftuchpflicht, wie es sie in manchen muslimischen Ländern gibt, genauso ab, wie ein Kopftuchverbot. Ich wünsche mir, dass Frauen in diesen Punkten mehr zusammen halten und sich gegenseitig stärken.“ Ähnlich sieht es für sie übrigens beim Thema Vollverschleierung aus: „Bei abgepackten Lebensmitteln achte ich immer mehr auf die Inhaltsstoffe, als auf die Verpackung. Ich finde, ich bin es meinen Mitmenschen schuldig, ihnen denselben Respekt zu erweisen.“ 

100 Kopftuchträgerinnen, 100 Gründe

Für Esther ist das Tragen des Kopftuchs ganz klar eine persönliche Entscheidung, die jede Frau für sich treffen muss. Als alltägliches Kleidungsstück funktionierte es für sie früher als Schild gegen die Außenwelt. Mit dem Tuch fühlte sie sich stärker. Es war ein Symbol für den Kampf, den sie ihr Leben lang kämpfen musste, sich alleine, ohne elterliche Unterstützung in der Welt zu behaupten. „Und nicht zuletzt, um für mich und meine Person einzustehen und mich nicht zu verbiegen“, erklärt Esther. Das sei nicht immer ihre Stärke gewesen, erzählt sie. Gerade in ihrer Jugend habe sie viel auf die Meinung anderer gegeben und sich oft danach gerichtet. Heute sei das anders: „Am Anfang habe ich viel Gegenwind bekommen, aber es war mir egal und ich habe gelernt zu dem zu stehen, was ich mache und vom Leben erwarte.“

Die Bedeutung des Kopftuchs hat sich für Esther mit der Zeit verändert: „Ich gebrauche das Kopftuch im Alltag als Eisbrecher. Denn nicht nur die Menschen sprechen mich dadurch auf meine Religion an. Ich kann das Kopftuch auch dazu nutzen, den Islam selbst in Gesprächen zu thematisieren und Vorurteile in einigen Köpfen zu brechen, indem ich bewusst mit Klischees spiele. Etwas, dass ich zugegeben gerne tue. Auch, weil ich so aktiv das Gesprächsthema Islam bestimmen kann und nicht bloß als Informationsquelle herhalten muss.“ Gleichzeitig bedeutet das Kopftuch für Esther aber auch eine Art Empowerment, eine Reduktion auf ihre inneren Werte und beruflichen Fähigkeiten.

Das ist einer von vielen Gründen, die für das Kopftuch sprechen. „Wenn du 100 Frauen befragst, wieso sie Kopftuch tragen, wirst du wahrscheinlich auch 100 unterschiedliche Antworten bekommen. Die Entscheidung ein Kopftuch zu tragen – auch wenn das in viele Köpfe nicht hineinpasst – ist meist eine sehr individuelle aus den unterschiedlichsten Gründen“, erklärt die 29-Jährige.

Eine von vielen

Esther E. ist eine von vermutlich tausenden Islam-Konvertiten in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht. Islam-Forscherin Esra Özyürek gab in einem Interview mit Spiegel Online im September 2016 an, dass die Zahl der Islam-Konvertiten in Deutschland auf 20.000 bis 100.000 geschätzt werde. Die Zahl der Muslime hierzulande lag laut einer Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge Ende des Jahres 2015 bei 4,4 bis 4,7 Millionen. Auch hier kann nur von Schätzungen ausgegangen werden, zugezogene Muslime im letzten Jahr noch nicht miteingerechnet. Anders als bei Anhängern der katholischen oder evangelischen Kirche werden Islam-Gläubige nicht registriert. Der Glaube bleibt Privatsache. Genaue Zahlen kann es deshalb nicht geben. Unabhängig von den konkreten Zahlen ist aber doch deutlich, dass der muslimische Glaube heute vielerorts zum Straßenbild gehört, sei es in Form von Kopftüchern, Vollverschleierung oder Moscheen. Er gehört dazu, ist Teil Deutschlands.

 

 

 

[*] (Anmerkung der Redaktion: Um Esther vor rassistischen Nachrichten und Anfeindungen zu schützen, können wir ihren vollen Namen leider nicht verwenden.)

 

Veröffentlicht im KOMPASS, Ausgabe 04/17 in Print und online.

 

 

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